Die Geschichte des Moses von Herzogenrath

In der Nacht vom 22. auf den 23. April 2014 wurde der Bronzeguss des zornigen Mose in der Bahnhofstraße in Herzogenrath von seinem Steinsockel gestohlen. Dieser dreiste Diebstahl erschütterte Herzogenrath.

Herzogenrath - das historische Städtchen an der Wurm - pflegt seit mehr als einhundert Jahren eine besondere Beziehung zur biblischen Gestalt des großen Führers der Israeliten. Aus dem mehr oder weniger zufälligen Ursprung dieses Verhältnisses ergab sich ein Stück Heimatgeschichte, die weit über den engen örtlichen Bereich hinaus Interesse und Beachtung gefunden hat:

Foto: Skulptur Moses Kopf

Sie begann eigentlich damit, dass im Jahre 1852 in den nahegelegenen Sand- und Kiesgruben von Nivelstein bei Herzogenrath, ein neuer Sandstein entdeckt wurde, der besonders hart und haltbar war. Um den Baustoff bekannt zu machen, beauftragte der fromme Ingenieur Dunkel aus Herzogenrath den ebenso frommen Bildhauer Wings aus Baesweiler, seinen Mitbürger, einen gigantischen Moses aus dem Stein zu hauen: 3,80 Meter groß und 7,5 Tonnen schwer. "Es war ein netter Moses à la Michelangelo", wissen noch alte Herzogenrather zu berichten.

Nach Paris, zur Weltausstellung

Da jedermann in der Stadt den Moses gut gelungen fand, schickte ihn Paul Dunkel auf die Pariser Weltausstellung. Man schrieb das Jahr 1856. Die Eisenbahngesellschaft übernahm die Kosten. Mit der brandneuen Lokomotive "Franco" fuhr Moses nach Paris. Dort wurde er viel bewundert, bekam auch einen Preis in Form eines Diploms. Zu einem richtigen Preis reichte es allerdings nicht, denn die Pariser Preisrichter waren der Meinung, zu dem richtigen Israelitenführer gehören nicht nur die Gesetzestafeln, sondern auch ein Stab. Und der fehlte dem Moses aus Herzogenrath. Vielleicht fand er deswegen auch keinen Käufer. So wurde er diesmal unfrei auf die Reise nach Herzogenrath geschickt.

Als der Zug mit der Mosesfracht ankam, sah sich Herr Dunkel außerstande, die Frachtkosten zu bezahlen. Dies ist allerdings, so Kenner der Moses-Geschichte, bis auf den heutigen Tag eine dunkle Geschichte geblieben.

Klar ist nur eines: Moses blieb auf dem Bahnsteig liegen. Jahrelang stolperten die Bahnbeamten über ihn - bis der Bahnmeister eines Tages seine Leute fragte: "Was machen wir mit dem armen Kerl? Er ist ja schließlich aus der Bibel..." Diese Worte wurden den alten Herzogenrathern von ihren Vätern überliefert, wie auch die Geschehnisse danach:

Eines Tages zimmerten die Bahnleute ein Podest aus Holzschwellen und stellten den herrenlosen Moses neben dem Bahnhof auf, dekoriert mit ein paar Koniferen.

Er war, wie wir uns einen Moses vorgestellt haben", erzählen die Herzogenrather "mit langen Haaren, langem Bart und den Gesetzestafeln".

Moses I. wurde bald zu einer Sehenswürdigkeit für alle Reisenden, die mit dem Zuge an Herzogenrath vorbeifuhren. Er stand sogar im Baedeker. Auf Anfrage des Autors hat Karl Baedeker IV. am 01. März 1963 mitgeteilt: "Ich habe festgestellt, dass mein Urgroßvater die Moses-Statue gleich nach deren Aufrichtung aufgenommen hat, denn in 'Baedekers Rheinlande', 12. Auflage 1862 heißt es auf Seite 317: 'Am Bahnhof ein colossaler Moses'".

Nase aus Zement

Im Laufe der Jahre faulten die Schwellen und Moses lag eines Tages auf der Nase. Sockel und Nase wurden neu angepaßt. Bei der Wiederaufrichtung begingen die Herzogenrather das 1. Moses-Fest: "Moses Auferstehung". Es folgten weitere Feste. Beim 2. Fest, "Moses Erhöhung" wurde der Sockel um einen Meter erhöht, weil die Hecke gewachsen war. Nach einer Erweiterung des Bahnhofes mußte Moses Platz machen und "Moses Versetzung" wurde gefeiert. Auch die Nase wurde zwischenzeitlich neu modelliert. Nach jedem Fall feierten die Herzogenrather das Fest von "Moses Wiederkehr", beim zweiten Male sogar mit Militärkapelle und Feuerwerk: Der Israelitenführer aus der Bibel war ihr Lieblingsdenkmal.

Ironisch zeigte er ihnen fast siebzig Jahre lang die zehn Gebote, bis zu einer dunklen Nacht im Februar 1934. Sicherlich weil er keine "arische Großmutter" hatte, banden einige Männer einen Strick um die Figur und schleiften sie in einen Rangierwagen. Die Herzogenrather Zeitung berichtete wie folgt:

Dienstagnacht wurde die Moses-Statue zerstört... Ein Teil hiesiger Geschichte ist uns hiermit verlorengegangen und wir sind überzeugt, daß die Täter nicht in unserer Gemeinde zu suchen sind. Kein hiesiger Bürger kann wegen solcher Grausamkeit und eines derartigen Mangels an Taktgefühl angeklagt werden. Wir hoffen sehr, daß die Zerstörer gefaßt werden."

Wie groß die Liebe der Herzogenrath zu Moses war, das erwies sich, als sie keinen mehr hatten: Sie konnten den Verlust nicht verwinden, 28 Jahre lang bewahrten sie ihm die Treue im Herzen, aber das Geld im Portemonnaie langte nicht, um sich einen neuen zu leisten.

Das wußte auch der Nähmaschinen-Nadelfabrikant Ferdinand Bernhard Schmetz, auch als "Wohltäter von Herzogenrath" bekannt. Als ihm im Jahre 1962 zum 65. Geburtstag die Würde eines Ehrenbürgers von Herzogenrath verliehen wurde, teilte er den Herzogenrathern, die ihm einen Fackelzug dargebracht hatten, vor seinem Anwesen im Hölderlinweg mit:

"Ich gebe euch einen neuen Moses"

Das war im April. Die Herzogenrather jubelten. Als das neue Standbild am 8. September im selben Jahr feierlich enthüllt wurde, da kam kaum Festtagsjubel auf:

Der Moses, den der bekannte Bildhauer Kurt-Wolf von Borries entworfen hatte, sah ganz anders aus als der Moses, an den sich die Herzogenrather erinnerten.

"Wir waren einen kolossalen Moses gewöhnt", sagten sie. "Drum waren wir so enttäuscht, als das kleine Männchen zum Vorschein kam!"

Ferdinand Bernhard Schmetz indessen teilte den trauernden Herzogenrathern bei der Denkmalenthüllung mit, er habe empfunden, "daß der wandernde Moses, der vom Berg Sinai kommt und das Volk um das goldene Kalb tanzen sieht, das beste Motiv für eine in unsere Zeit passende Darstellung sei. Der Vergleich von damals und heute drängt sich auf. Deshalb die Wiederkehr in der Gestalt des erzürnten Moses als ein Mahnmal gegen Einsichtslosigkeit, als ein Aufruf zu Bescheidenheit und Gemeinnutz. Ich glaube, daß Sie ihn liebgewinnen werden."

Drei Tage "Moses Wiederkehr" gefeiert

Trotz ihrer Enttäuschung feierten die Herzogenrather drei Tage und Nächte "Moses Wiederkehr" mit einem Heimatabend, einem historischen Festzug und einem "Brillantfeuerwerk". Der Briefmarkensammlerverein von 1946 steuerte einen Sonderstempel bei und die Bundespost errichtete dazu ein Sonderpostamt.

Heute haben sich die Herzogenrather längst mit Moses II. abgefunden.

Ihren Frieden schlossen die Herzogenrather mit Moses II., als sogar deutschjüdische Emigranten in Amerika das Denkmal lobten. Einer von Ihnen, Eric Lind aus Detroit, veröffentlichte die Geschichte des "Herzogenrather Moses" in verschiedenen amerikanischen Zeitschriften und verwandte sich schließlich dafür, das das Standbild Moses II. auf die New Yorker Weltausstellung kam.

Moses Wiederkehr als Sonderstempel zum Ereignis

Moses II. fast schon auf dem Weg zur Weltausstellung in New York

"Durch die Anstrengungen unseres geschäftsführenden Mitglieds aus Detroit und meiner Wenigkeit haben wir die Besitzer des Israel-American-Pavillon überzeugen können, die vielbesprochene und berühmte Statue vom Moses aus Herzogenrath aus Deutschland herüberzuholen", hieß es in der März-Ausgabe der Zeitschrift "Judaica Historical Philatelic Society".

Telegramme gingen hin und her. Stifter F.B. Schmetz hatte sich bereiterklärt, die Moses-Luftfrachtkosten zu übernehmen. Er und die Ausstellungsleiter in New York hatten ausgemacht, Stillschweigen zu bewahren, bis Moses in den Staaten war. Aber: "Die Moses-Bombe" platzte schon vorher. Der Autor dieser Moses-Biographie interpretierte die Ursache dafür vor mehr als 30 Jahren wie folgt:

"Es war ja immer noch nicht sicher, ob der Pavillon überhaupt neu eröffnet wurde, wegen der Unterbilanz vom vergangenen Jahr. Außerdem war das gerade die Zeit der Nahost-Krise. Nasser auf der einen Seite, die Israelis auf der anderen, und die Deutschen mitten drin. Da kann man sich vorstellen, daß die deutschen Juden an die Decke gegangen sind, als sie das Bild von Moses sahen, der finstere Ausdruck ... und so passierte es."

Die "New York Times" erfuhr vom Entsetzen im Israel-Pavillon und schrieb:

"Die Leitung des Pavillons war erschreckt. Der Moses von Herzogenrath war eine untersetzte Figur mit einer Dornenkrone auf dem Kopf und wenig Kleidern auf der Figur. Man fragte sich, ob diese Statue ... antisemitische Tendenzen habe. Aber man wollte die Bürger von Herzogenrath nicht vor den Kopf stoßen. Die Pavillonleitung entschied deshalb, die 'freundliche Offerte' zurückzuweisen, weil die Idee der Moses-Statue nicht mit ihrer eigenen übereinstimme!"

Diese Worte treffen die Herzogenrather schmerzlich, aber ihrer Anhänglichkeit an Moses taten sie keinen Abbruch, im Gegenteil: Mit noch mehr Liebe schauen die Bürger seit dieser Zeit dem Israelitenführer ins grimmig Auge.

Herzogenrather Moses - Fazit -

  "1856 kehrte der Herzogenrather Moses ohne den erhofften großen Erfolg von der ersten Weltausstellung in Paris zurück. Dem neuen Moses wurden nun die bereits geöffneten Tore des israelischen Pavillons vor seinem Einzug zugeschlagen. Damit nahmen die Herzogenrath an, daß Moses II. gute Kunst dokumentiert, weil bekanntlich nur künstlerisch wertvolle Werke immer zur Diskussion Anlaß geben.."

Aus dem 5. Buch Mose des Alten Testaments

Bronzeguss von Kurt Wolf von Borries aus dem Jahr 1962 als Auftragsarbeit des Nähmaschinen-Nadelfabrikanten Ferdinand Bernhard Schmetz

So hat der Moses II. aus Bronze nunmehr seit 35 Jahren seinen festen Platz in der Bahnhofstraße, nur wenige Meter vom Bahnhof entfernt. In den ersten Jahren machte man so seine Späße mit ihm: Mal hatte er ein Hemdchen an, mal ein Mäntelchen. Einmal passierte es sogar, daß er von seinem Sockel gestoßen wurde.

Er steht übrigens auf einem Postament, das zum ersten Moses aus Sandstein gehörte. Restteile von Moses I. wurden in der Nähe von Herzogenrath gefunden.

Der Moses aus Bronze hat eine Größe von 1,60 Metern und entsprach damals dem durchschnittlichen Wuchs, und der Lendenschurz paßt ohne Zweifel gut zum vielgeprüften, barfüßigen Führer durch die Wüste.

Moses II aus Bronze hat weiterhin seinen festen Platz am Bahnhof

Die auch bei den Mosesskulpturen der großen Meister Michelangelo und Claus Sluter nicht fehlenden Hörner hat Kurt-Wolf von Borries als Wahrzeichen stärker ausgeprägt und mit fünf kräftig emporgerichteten Haarsträhnen zu einem symbolhaften, erdentrückenden "Kopfschmuck" vereint. So wird der Eindruck des Zornes und stürmischer Entschlossenheit, den die ganze Haltung des Standbildes vermittelt, noch verstärkt.

Moses kehrt erneut nach Herzogenrath zurück

 Im Rahmen des Projektes „Herzogenrath hat keinen Platz für Rassismus" stellten die Stadtratsfraktionen eine Antrag und beschlossen einstimmig in der Sitzung am 19.02.2002, dass am Moses-Denkmal eine Text-Tafel/Plakette aufgestellt werden soll, die die wechselvolle Moses-Geschichte erklärt. Auch wurde eine relief- oder holzschnittartige Darstellung des alten Moses hierzu ergänzend in Erwägung gezogen, die die Textaussage verstärken soll.

Der Text lautet wie folgt:

„Der neue Moses hatte einen Vorläufer: Einen patriarchischen Moses aus Nivelsteiner Sandstein. Diese Figur wurde in der Nacht vom 6. zum 7. Februar 1934 von Anhängern der Nationalsozialisten zerstört. Kurt-Wolf von Borries stellte am 09. September 1962 seinen neuen Moses auf ein Stück des alten Moses und schuf damit ein Gesamtkunstwerk, welches auch eine Mahnung gegen rassistische und antisemitische Verirrungen sein sollte. Dieser Sockel ging bei der Umsetzung der Figur im Jahr 1997 zu Bruch und wurde am 17. August 1997 durch den heutigen Basaltsockel ersetzt. Das Moses-Denkmal ist eine Stiftung des Herzogenrather Nadelfabrikanten Ferdinand Bernhard Schmetz."

Die Verwaltung nahm Kontakt mit ortsansässigen Künstlern und Handwerkern auf. Moses und sein Standort wurden begutachtet. Die Kommission in der Politik (Dr. Hans Joachim Helbig, Renate Gülpen, Folker Moschel), Verwaltung (Bürgermeister Gerd Zimmermann, Bernd Krott, Detlef Zähringer, Petra Baur) und der Sohn des Stifters der Moses-Figur, Herr Peter-Nikolaus Schmetz vertreten waren, fanden in Herrn Esser (Fa. Marmor Esser) und Herrn Robert Simon zwei Geschäftspartner, die eine besondere Lösung für die Realisierung des Projektes vorstellten.

Beide Herren waren sich schnell einig, dass sie bei einem „Anti-Rassismus Projekt" auch persönlich ein Zeichen setzen wollen, indem Sie nicht in Konkurrenz gegeneinander sondern miteinander arbeiten.

Diese Idee wurde von der Kommission gerne angenommen. Der Stadtrat faßte einen Beschluss zur Auftragsvergabe in seiner Sitzung vom 28.11.2002. Herr Schmetz erklärte sich bereit - aus alter Verbundenheit seiner Familie mit dem Denkmal - die hälftigen Kosten für die Arbeiten, zu übernehmen.

Anfang diesen Jahres machten sich die Herren Simon und Esser ans Werk. Zu diesem Zweck mußte Moses von seinem angestammten Platz in der Bahnhofstraße demontiert werden.

Über zwei Monaten vermissten die Herzogenrather den kleinen zornig drein blickenden Kerl, der gerade wegen seiner skurrilen Gestalt ein „Hingucker" ist.

Pünktlich zum Frühlingsbeginn, am 21. März 2003 wurde der bearbeitete Moses der Öffentlichkeit präsentiert. Und noch etwas wird dem aufmerksamen Betrachter auffallen: Moses läßt seinen wachen Blick von nun an in die Stadtmitte und nicht mehr Richtung Bahnhof schweifen. So wie es früher mal war.....

Die staatsanwaltlichen Ermittlungen zu dem Diebstahl der Moses-Statue wurden zwischenzeitlich eingestellt, da die Täter nicht ermittelt werden konnten. Die Herzogenrather Bürgerstiftung setzt sich dafür ein, das Wahrzeichen der Stadt wieder neu zu beschaffen. Die Bürgerschaft wartet bereits gespannt auf das Ergebnis dieser Anstrengungen und freut sich auf die Wiederkehr des Herzogenrather Moses.

Weitere Bilder
Foto: MosesFoto: Moses auf Sockel
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