Im Laufe der Jahre faulten die Schwellen und Moses lag eines Tages auf der Nase. Sockel und Nase wurden neu angepaßt. Bei der Wiederaufrichtung begingen die Herzogenrather das 1. Moses-Fest: "Moses Auferstehung". Es folgten weitere Feste. Beim 2. Fest, "Moses Erhöhung" wurde der Sockel um einen Meter erhöht, weil die Hecke gewachsen war. Nach einer Erweiterung des Bahnhofes mußte Moses Platz machen und "Moses Versetzung" wurde gefeiert. Auch die Nase wurde zwischenzeitlich neu modelliert. Nach jedem Fall feierten die Herzogenrather das Fest von "Moses Wiederkehr", beim zweiten Male sogar mit Militärkapelle und Feuerwerk: Der Israelitenführer aus der Bibel war ihr Lieblingsdenkmal.
Ironisch zeigte er ihnen fast siebzig Jahre lang die zehn Gebote, bis zu einer dunklen Nacht im Februar 1934. Sicherlich weil er keine "arische Großmutter" hatte, banden einige Männer einen Strick um die Figur und schleiften sie in einen Rangierwagen. Die Herzogenrather Zeitung berichtete wie folgt:
Dienstagnacht wurde die Moses-Statue zerstört... Ein Teil hiesiger Geschichte ist uns hiermit verlorengegangen und wir sind überzeugt, daß die Täter nicht in unserer Gemeinde zu suchen sind. Kein hiesiger Bürger kann wegen solcher Grausamkeit und eines derartigen Mangels an Taktgefühl angeklagt werden. Wir hoffen sehr, daß die Zerstörer gefaßt werden."
Wie groß die Liebe der Herzogenrath zu Moses war, das erwies sich, als sie keinen mehr hatten: Sie konnten den Verlust nicht verwinden, 28 Jahre lang bewahrten sie ihm die Treue im Herzen, aber das Geld im Portemonnaie langte nicht, um sich einen neuen zu leisten.
Das wußte auch der Nähmaschinen-Nadelfabrikant Ferdinand Bernhard Schmetz, auch als "Wohltäter von Herzogenrath" bekannt. Als ihm im Jahre 1962 zum 65. Geburtstag die Würde eines Ehrenbürgers von Herzogenrath verliehen wurde, teilte er den Herzogenrathern, die ihm einen Fackelzug dargebracht hatten, vor seinem Anwesen im Hölderlinweg mit:
"Ich gebe euch einen neuen Moses"
Das war im April. Die Herzogenrather jubelten. Als das neue Standbild am 8. September im selben Jahr feierlich enthüllt wurde, da kam kaum Festtagsjubel auf:
Der Moses, den der bekannte Bildhauer Kurt-Wolf von Borries entworfen hatte, sah ganz anders aus als der Moses, an den sich die Herzogenrather erinnerten.
"Wir waren einen kolossalen Moses gewöhnt", sagten sie. "Drum waren wir so enttäuscht, als das kleine Männchen zum Vorschein kam!"
Ferdinand Bernhard Schmetz indessen teilte den trauernden Herzogenrathern bei der Denkmalenthüllung mit, er habe empfunden, "daß der wandernde Moses, der vom Berg Sinai kommt und das Volk um das goldene Kalb tanzen sieht, das beste Motiv für eine in unsere Zeit passende Darstellung sei. Der Vergleich von damals und heute drängt sich auf. Deshalb die Wiederkehr in der Gestalt des erzürnten Moses als ein Mahnmal gegen Einsichtslosigkeit, als ein Aufruf zu Bescheidenheit und Gemeinnutz. Ich glaube, daß Sie ihn liebgewinnen werden."